Mein Name ist Dmytro Myeshkov. Ich arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nordost-Institut in Lüneburg. Das ist ein “An-Institut” an der Universität Hamburg und unsere Forschungsschwerpunkte haben mit der Geschichte und Kultur der Deutschen im nordöstlichen Europa zu tun. Das heißt, wir beschäftigen uns mit der Geschichte und Kultur der Deutschen in ehemaligen Ostgebieten, im heutigen Polen, in den baltischen Ländern, aber auch im ehemaligen Zarenreich, in der Sowjetunion und in den postsowjetischen Staaten, das heißt in der Ukraine, in Moldova, in transkaukasischen Ländern, auch in Russland.
Unsere Arbeit wird aus den Mitteln des Bundes finanziert und unser Arbeitsauftrag sieht vor, dass wir uns mit der Vergangenheit und der Gegenwart der Deutschen in multiethnischen Gesellschaften dieser Länder beschäftigen. Der Gesetzgeber hat vorgesehen, dass wir uns auch unter anderem um die Archivbestände, um Museumssammlungen und um die Publikationsarbeit dort in unseren Forschungsgebieten kümmern müssen. Und aus diesem Arbeitsauftrag heraus des deutschen Gesetzgebers gibt sich natürlich auch ein berechtigtes Interesse an die Sicherung und an die Pflege des deutschen Kulturgutes in den Ländern östlichen Europas. Und nach dem Beginn der vollumfänglichen Aggression der Russländischen Föderation in der Ukraine im Februar 2022 haben wir natürlich uns sofort gedacht, was wir für die Beibehaltung, für die Sicherung und für den Schutz der Archivüberlieferung, aber auch Museumssammlungen und Bausubstanzen, Baudenkmäler in der Ukraine, die mit der Geschichte der Deutschen aber nicht nur zu tun haben, damit mit dieser Vergangenheit verbunden sind. Wir sind natürlich sehr froh, dass wir in diese Richtung in den Jahren 2022 und 2023 was machen konnten. Wir waren in der Lage, einige Projekte zu initiieren, zusammen mit unseren Kollegen, mit denen uns langjährige Arbeit in der Ukraine verbindet, mit der Archivverwaltung, Staatlichen Archivverwaltung in Kyjiw zum Beispiel oder mit dem SPU Archiv, mit dem wir schon viele wertvolle Editionen und Aktenbände vorbereitet haben und weiter auch vorbereiten werden, aber auch mit den lokalen Archiven, so wie zum Beispiel mit den Gebietsarchiven in Dnipro oder in Charkiw haben wir Programme gestartet, die darauf abzielten, Archivbestände zu sichern, besonders die, die sehr nah zur Frontlinie sich befinden, dort Digitalisierungsprojekte, aber auch nötige
Feuerschutzausstattung und so weiter und so fort dort zu liefern und dort zu platzieren, damit die Bestände, die unter Kriegsbedingungen leiden, irgendwie geschützt bleiben. Und wir sind natürlich auch weiterhin interessiert, diese Arbeit, die wir 2022-2023 mit den Partnern in der Ukraine gestartet haben, auch weiter fortzusetzen. Und das war auch Gegenstand unserer Gespräche mit dem Vorsitzenden des Rates der Deutschen der Ukraine, Volodymyr Leysle hier in Lüneburg ausführliche Gespräche, was wir in diese Richtung machen können und machen müssen. Und wir sehen uns sicher und bewusst, dass diese Arbeit auf eine systematische Ebene weiterhin auch vorangetrieben sollte, mit der Hilfe der deutschen Partner, aber auch mit den Fachkräften vor Ort, die sich mit den Überlieferungen und Museumssammlungen gut oder am besten auskennen und natürlich mit den lokalen Bedingungen und mit Kriegsbedingungen und uns sagen können, welche Arbeiten und welche Projekte zum Schutz des Kulturgutes am nötigsten sind und am schnellsten gestartet und durchgeführt werden sollten.
Die Geschichte und Kultur der Schwarzmeerdeutschen ist ein zentraler Schwerpunkt, einer der Schwerpunkte, mit denen uns wir schon seit der Wiedergründung oder Neugründung des Nordost Instituts vor 25 Jahren hier in Lüneburg beschäftigen. Das war eine der zahlreichsten Gruppen der deutschen Bevölkerung auf den Gebieten des Russländischen Reiches, aber auch in der Ukraine. Neben Wolhyniendeutschen waren die Deutschen im nördlichen Schwarzmeergebiet, die zahlreichste Gruppe. Und das Kulturerbe der Schwarzmeerdeutschen ist natürlich allein aus diesem Grunde sehr, sehr wichtig, auch für unsere Forschung. Deswegen finden wir es wirklich sehr wichtig, dass dieses Projekt vom Rat der Deutschen der Ukraine initiiert und durchgeführt wird. Und besonders unter Kriegsbedingungen, wo wir jeden Tag sehen und erfahren, dass dort viele Kulturschätze unwiederbringlich zerstört oder verloren gehen, ist natürlich umso wichtiger, diese Projekte zur Sicherung und zur Digitalisierung und zur Dokumentierung der Vergangenheit der Deutschen in der Südukraine durchzuführen. Und wir stehen natürlich unseren Partnern in der Ukraine bei diesem Vorhaben auch sehr gerne bei, weil es geht ja auch letztendlich um unseren Forschungsauftrag und wir liefern natürlich auch da, wo wir nur können, unsere Expertise und unser Wissen über die Geschichte und Vergangenheit, aber auch unser Wissen und Expertise, was die Archivbestände, Archiv Überlieferung oder Museumsüberlieferung, aber auch Siedlungsgebiete und Siedlungssysteme, die bei der Durchführung dieser Projekte hilfreich sein können.
Für die jungen oder Nachwuchswissenschaftler, die sich mit der Geschichte oder mit den Problematiken den vom Krieg bedrohten Kulturschutz beschäftigen möchten, möchte ich einfach auf den Weg vielleicht paar Empfehlungen aussprechen. Zum einen, leider sehen wir in der Geschichte und in der Vergangenheit, dass das Kulturgut auch oft zum Gegenstand der Angriffe und der Kriegshandlungen wird. So war das im Zweiten Weltkrieg, wo das ukrainische Kulturgut auf vielfältige Weise zerstört, verschoben, geklaut und geraubt wurde. Nicht viel anders geht es ja auch jetzt im russisch-ukrainischen Krieg, wo die Russländische Föderation sich zum Ziel gesetzt hat, einfach die Erinnerung und das historische Gedächtnis einfach wegzuwischen, egal ob es dann um eine ethnische Gruppe, Deutsche oder auch andere Minderheiten, ganz zu schweigen, um die Geschichte und Vergangenheit des ukrainischen Volkes geht. Deswegen möchte ich einfach als Empfehlung sagen, dass man diese Problematiken in Verbindung mit dem Schutz des Kulturgutes in den Kriegszuständen in breiteren Kontexten betrachtet. Das macht, glaube ich, auch den verbrecherischen Charakter dieser Angriffe und diese Kriegsführung noch anschaulicher. Aber auch wird es dann auch helfen, die Maßnahmen zu treffen, die diesen Schutz garantieren bzw. möglichst effizient machen.